Bio, fair und möglichst billig

Und jetzt ein Beitrag, den uns ein Bauer aus dem Rheinischen zur Verfügung gestellt hat. Er stammt von

Dr. Willi Kremer-Schillings, Landwirt in  Rommerskirchen ( im Internet unter www.bauerwilli.com erreichbar) und spricht mir aus der Verbraucher-Seele:

„Bio, fair und möglichst billig

Ich bin Bauer. Der Bauer, der Ihre Lebensmittel macht. Und ich habe ein Problem mit Ihnen. In unserer Beziehung von Erzeuger und Verbraucher stimmt was nicht mehr. Und vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt.

Dass Sie die Lebensmittel möglichst billig einkaufen wollen, weiß ich ja. Vielleicht können Sie auch nicht anders, weil Ihnen sonst zu wenig zum Leben bleibt.  Aber Deutschland hat ja nicht nur Niedriglohnempfänger. Wenn Ihnen Lebensmittel etwas wert wären, würden Sie auch nicht so viel wegwerfen. Und das Sie immer auf alles Mögliche achten? Im Zweifelsfall entscheiden Sie sich dann doch für das billigere Produkt. Gut, die Discounter verkaufen jetzt auch Markenprodukte. Dafür gehen die Supermärkte mit ihren Eigenmarken jetzt auch in Richtung Billigware, um ihre Marktanteile nicht zu verlieren. Alles nichts Neues, alle drücken den Preis beim Erzeuger so weit wie es geht. Macht ja jeder so und wer da nicht mitkommt,  muss halt aufhören und ist selber schuld.

Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört: Das ist für mich als Bauer nicht das ganz große Problem. Womit ich nicht mehr zurechtkomme sind die Ansprüche, die Sie, lieber Verbraucher und Mitbürger an mich stellen. Sie wollen keine Massentierhaltung, oder? Ihr Discounter-Hähnchen kostet 2,79 Euro. Und das Würstchen, das Sie auf Ihren 800 Euro teuren Grill legen, soll nicht mehr als 79 Cent kosten. Was glauben Sie denn, wie das anders gehen soll als mit großen Einheiten? Wenn 100 Gockel auf der Wiese hinter dem Haus laufen, sieht das zwar schön aus und erregt Wohlgefallen – aber so ein Biohuhn kostet auch mal gut und gern 24 Euro. Und das ist Ihnen dann doch zu viel. Nun gut, vielleicht alle paar Monate mal eins. Um das Gewissen zu beruhigen.

Schizophren

Sie, lieber Verbraucher, sind schizophren. Klingt hart, ist aber so. Natürlich nicht im klinischen Sinn. Doppelte Moral würde es wohl besser treffen. Sie werfen uns Bauern Massentierhaltung vor, aber dann kneifen Sie den Schwanz ein, wenn sie für eine andere Form der Tierhaltung mehr bezahlen sollen. In Umfragen wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Wenn es stimmen würde, was da so von Ihnen ins Mikrofon gesagt wird, würde mindestens jeder vierte nur noch Biofleisch kaufen. In der Realität ist es kaum mehr als ein Prozent. Und der Anteil steigt kaum, obwohl die Kritik an der Tierhaltung immer weiter zunimmt.

Sie sagen: Warum soll ich mehr bezahlen, wenn ich es auch billiger bekommen kann. Das kann ich nachvollziehen, aber mit dieser Einstellung drehen Sie die Preisspirale wieder ein Stück nach unten, so dass uns Bauern für die von Ihnen gewünschten Veränderungen überhaupt kein finanzieller Spielraum mehr bleibt.

Und ähnlich ist es doch mit Ihrem Einkaufsort: in der Woche schnell zum Discounter, am Wochenende dann mal im Bauernladen 2 kg Kartoffeln kaufen. Und dann den Freunden erzählen, „ich kaufe ja vorwiegend bei meinem Bauern in der Nachbarschaft, das ist ja regional“. Und vielleicht noch den Zusatz „dass ich ja die heimischen Bauern unterstützen möchte“. Danke, aber da sind 2 kg Kartoffeln dann doch etwas wenig. Aber gut, es ist immerhin ein Anfang.

Ansprüche

Was mich ärgert, ja schon fast zornig macht: Dass ich mich mit Ihren Vorwürfen und Ansprüchen ständig auseinandersetzen muss. Weil Sie mich darauf ansprechen und ich mich rechtfertigen soll. Wofür eigentlich? Dafür, dass Sie alles nur billig haben wollen? Eigentlich wissen Sie ja, wie es produziert wurde. Ja, ich weiß, bei bestimmten Textil- und Schuhketten kauft ja angeblich auch niemand ein, genauso wie niemand die „Bild“-Zeitung liest. Doch diese Läden sind voll und jeder weiß, dass das T-Shirt für 5 Euro in Bangladesch produziert wurde. Und die Bild-Zeitung hat eine Millionen-Auflage.

Klar, Atomkraft wollen Sie nicht, Windkraft ja, aber bitte nicht vor Ihrer Tür. Mit Autobahnen und Umgehungsstraßen ist es das Gleiche. Organischer Dünger aus Biogasanlagen: stinkt Ihnen – buchstäblich. Monokulturen, Pestizide, Gentechnik – nein danke. Ja, ist schon klar. Immer schön egoistisch und nur nicht daran denken, wie der Bauer das hinkriegen soll. Sympathisch wird der erst wieder dann, wenn Sie billiges Bauland bei ihm kaufen können. Und wenn Sie dann aus der Stadt ihr Häuschen im Grünen gebaut haben, stören die Landwirte wieder nur. Die großen Trecker verdrecken die Wirtschaftswege, spät am Abend laufen noch die Mähdrescher und machen Krach und Staub, während Sie auf der Terrasse sitzen. Schnell mal das Ordnungsamt anrufen, oder doch besser gleich die Polizei. Sollen die sich doch darum kümmern. Sie haben ja schließlich Feierabend und wollen ihr Leben auf dem Land genießen.

Jammern

Sie meinen, ich jammere? Nein, das ist für mich Realität und das belastet mich seelisch. Für Sie ist es einfach, mit dem Chor der Kritiker mitzusingen. Ob es Umwelt- oder Naturschützer, Tierschützer oder diverse Parteien sind: Alle erklären uns Bauern, was wir aus deren Sicht falsch machen. Das mag in dem ein oder anderen Fall vielleicht nachvollziehbar sein, aber haben wir die eine Anforderung erfüllt, wird die nächste aufgestellt. Da macht jetzt auch der Lebensmitteleinzelhandel mit. Teils sind die Forderungen auch widersprüchlich: Ein Verbot der Anbindehaltung bei Rindern führt zwangsläufig zu größeren Ställen – und dann betreiben wir wieder Massentierhaltung. Das Verbot der Käfighaltung bei Hühnern hat dazu geführt, dass ein Teil der Eier jetzt aus dem Ausland kommen, wo die Käfighaltung weiter erlaubt ist. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Fazit: Alle neuen Verbote, Vorschriften und Regelungen führen in der Konsequenz dazu, dass der bäuerliche Familienbetrieb ausstirbt. Weil er die Auflagen nicht mehr erfüllen kann oder will. Und die Jugend oft „keinen Bock“ mehr hat und einen anderen Beruf ergreift. Dann werden die Betriebe, die übrig bleiben, eben größer.

Bauernhöfe oder Agrarfabriken

Ob es schlimm ist, wenn es statt Bauernhöfen schließlich wirklich nur noch Agrarfabriken gibt? Das müssen Sie entscheiden. Wenn Sie statt Agrar-Managern lieber Menschen haben wollen, denen die Natur noch etwas wert ist, die das seit Generationen machen, sollten Sie das zum Ausdruck bringen. Und eben nicht mitschimpfen, wenn alle schimpfen. Sie sollten sich selbst informieren, anstatt Vorgekautes einfach so zu glauben.  Es gibt ja genug, die genug, die aus allen Bauern Tierquäler und Umweltverpester machen wollen. Ich will nicht behaupten, dass es die nicht gibt, aber vielleicht sollten Sie einfach mal rausfahren aufs Land und in einem Hofladen einkaufen. Da bekommen Sie Lebensmittel „mit Erklärung“. Und können fragen, wie und warum wir so produzieren, wie wir es machen. Antworten aus erster Hand.

Der Blick nach vorne

Aber vielleicht sind wir Landwirte auch nicht ganz unschuldig an der Misere. Wir haben Ihnen lange Zeit nichts von unseren Produktionsweisen erzählt und gezeigt. Wir sind von Natur aus auch nicht besonders kommunikativ. Das wollen wir ändern. Am 1. Oktober soll es in Deutschland, Österreich und Südtirol den ersten Regio Day geben, also den Tag der heimischen Lebensmittel geben. Es wäre schön, wenn viele Erzeuger und viele Konsumenten sich dann begegnen würden. Zum Beispiel Sie und ich.

Vielleicht bekommen wir dann wieder ein wenig mehr Verständnis füreinander. Ich bin dazu bereit. Darum schauen Sie mal rein bei www.regioday.com, vielleicht gibt es ja auch in Ihrer Nähe jemanden, mit dem Sie reden können.

Übrigens ist Anfang Oktober Erntedank…

Ihr Bauer Willi“


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3 Gedanken zu „Bio, fair und möglichst billig“

  1. Ich bin bei weitem nicht konsequent, was bio und fair anbelangt, aber ich werde immer konsequenter. So bin ich denn letztes Jahr bei der Solawi Langenholzhausen eingestiegen. Mit meiner Schubkarre laufe ich nun seit Frühjahr jede Woche 2mal die 400 m zum DORFACKER runter. (Unser Verein Dorfacker e.V. ist meines Wissens die erste gemeinnützige SOLAWI Deutschlands.) Wenn ich die Wildschafe auf meiner Wiese hinzurechne, dann bin ich seit Mai Selbstversorgerin in Sachen Fleisch, Gemüse und Salat und Kartoffeln sowieso, vom letzten Jahr hatte ich noch welche und neue auch schon wieder. Meine Gedanken beim „Bauer Willi“ lesen: JA, ich bin wieder ein grosses Stück weitergekommen in Richtung Ehrlichkeit, BIO , Fair, Regional und vor allem in Richtung Lebensqualität und Gemeinschaft. Ökologisch, politisch und sozial. Und Bauer Willi erklärt meine Fragen so schön: Warum möchte niemand mein angebotenes Wildfleisch kaufen und warum strömen die Dorfbewohner und auch die etwas weiter weg wohnenden Menschen nicht zu unserem Dorfacker!!! Mitmachen bei uns ist extrem preiswert, und macht grossen Spass!!!!!!!! Wir sind Bioqualität und frisch, frischer geht es nicht. Will die Verbraucher*in wirklich weiter im Supermarkt einkaufen, mit reichlich preiswerter Bioware aus Spanien, Ägypten, Israel und Neuseeland. Bequem und einfach. Die Solawi Langenholzhausen freut sich über neue Mitglieder!

  2. Bauer Willi hat mit allem, was er sagt, Recht, da muss ich mich auch an die eigene Nase fassen….
    Die Idee, an Erntedank einen regioday zu organisieren, finde ich überzeugend. An Erntedank ist die Sensibilisierung für das Thema Nahrung und Ernährung sehr hoch und viele Menschen können erreicht werden. Hoffentlich gibt es auch in Lippe Bauern, die sich beteiligen!

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